WOYZECK@WHITEBOxX

ein Solo für drei Personen nach Georg Büchner

Mit
Niklas Maienschein
Johannes Bauer
Nelly Politt

Inszenierung Katharina Kummer
Bühne / Kostüme Julia Bosch
Special Effect (Kreatur) Moran Sanderovic
Dramaturgie Olivier Garofalo
Sounddesign Johannes Bauer
Korrepetition Tilman Brand
TheaterAktiv Robert Hüttinger
Regieassistenz, Inspizienz & Abendspielleitung Markus Wegner

Spieldauer 75 Minuten, keine Pause

Premiere 5. November 2021, Studio

Veranstaltungstechnik David Kreuzberg (Technischer Leiter/ Beleuchtungsmeister), Claudia Kurras (stellv. Technische Leiterin/Bühnenmeisterin), Nikolaus Vögele (Beleuchtungsmeister), Fredo Helmert (Leiter der Tonabteilung), Lutz Patten (Assistent der technischen Leitung), Reinhold van Betteraey, Jens Gerhard, Markus Hermes, Ivan Hristov (Medientechnik / IT), Erhad Kovacevic, Daniel Marx, Maik Neumann, Stefan Ostermann, Katrin Otte, Lutz Schalla, Matthias Schöning, Michael Skrzypek, Til Topeit, Oliver Waldhausen, Peter Zwinger Auszubildende Nour al Hamdan, Leona Kittlaus, Malte Meuter, Tim Rettig, Elias Triebel Werkstätten Schreinerei/Schlosserei Engelbert Rieksmeier (Werkstättenleiter), Lutz Meuthen, Jorge Denis Corrales Mora, Jonas Henke, Peter Herbrand, Johannes Selzner Auszubildende Werkstätten Mitja Hennig, Justin Simon, Aaron Czirr Malsaal Sarah Durry (Leiterin Malsaal), Natalie Brüggenolte (in Elternzeit), Laura Conigliello, Dmytro Fedorovic Zhdankin, Luna Warnke, Maria Felicia Montemurro Gewandmeisterei Alide Büld (Leiterin der Kostümabteilung), Waldemar Klein (Leiter der Herrenabteilung, Herrenschneidermeister), Ute Dropalla (Garderobiere), Pauline Gez (Garderobiere), Susanne Groß, Maria Knop, Alina Listau, Anna Listau, Sophia Meuser Maske Marthe von Häring (Leiterin der Maske), Marleen Fee Hackenberg, Laura Rösch Requisite Birgit Drawer (1. Requisiteurin), Lara Maury
 
Insofern nicht anders markiert, sind die Texte Originalbeiträge von Olivier Garofalo.
Fotos Marco Piecuch, Plakatfoto Simon Hegenberg

Bitte beachten Sie, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet sind.

»Woyzeck«

Georg Büchners Drama erzählt die tragische Geschichte des mittellosen Soldaten Woyzeck, anhand dessen prekärer Existenz die gesellschaftlichen Missstände des Vormärz deutlich werden. Um Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat, zu unterstützen, arbeitet Woyzeck zusätzlich als Laufbursche für seinen Hauptmann und lässt sich gegen Geld auf ein merkwürdiges Experiment ein, das ihn zu einer Erbsendiät verpflichtet und seine Gesundheit schwer schädigt. Immer wieder muss er sich dabei die Gewaltausbrüche und Moralpredigten des Hauptmannes und des Arztes gefallen lassen. Als er erfährt, dass Marie ihn mit dem Tambourmajor betrügt, er zudem von ihm gedemütigt wird, verschlimmern sich seine Wahnvorstellungen und die Stimmen in seinem Kopf sind sicher, was zu tun ist: Marie ermorden.

Georg Büchner

Am 17. Oktober 1813 wurde Karl Georg Büchner in Goddelau bei Darmstadt geboren. 1816 zog die Familie nach Darmstadt, wo der Vater eine Stelle als Stadtphysikus und Hospitalarzt übernahm. Als Kind wurde Georg Büchner zunächst von seiner Mutter unterrichtet, ab 1822 bis 1825 besuchte er die »Privat-Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für Knaben«. 1825 wechselte er zum neuhumanistischen Pädagogium, das er 1831 mit einem Reifezeugnis, das ihm »gute Anlagen« und einen »klaren und durchdringenden Verstand« bescheinigte, verließ. Anschließend schrieb er sich in die Medizinische Fakultät der Universität Straßburg ein, wo er von 1831 bis 1833 vergleichende Anatomie studierte, sich jedoch vor allem mit revolutionären Gesellschaftstheorien und politischer Arbeit beschäftigte. In Straßburg lernte er auch Wilhelmine Jaeglé kennen, mit der er sich 1832 heimlich verlobte. 1833 schrieb Georg Büchner sich an der Universität in Gießen ein. Dort erlebte er, der die freieren französischen Verhältnisse kennengelernt hatte, die Schikanen der Obrigkeit und die Gewalt im Staat. Im Sommer 1834 verfasste Büchner zusammen mit dem Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig das Flugblatt »Der Hessische Landbote«. Darin prangerte er die Missstände im Großherzogtum Hessen an und rief zur Revolution gegen die Fürsten auf. Aufgrund der Radikalität der Schrift musste er nach Straßburg fliehen. 1835 verfasste er nach eigenen Angaben innerhalb von fünf Wochen »Dantons Tod«. Außerdem entstand in dieser Zeit seine Erzählung »Lenz«. Zudem erforschte er das Nervensystem der Fische und vollendete seine Dissertation »Abhandlung über das Nervensystem der Barbe«, mit der er zum Dr. phil. an der Universität Zürich promovierte, wo er anschließend zur Privatdozentur für Naturgeschichte zugelassen wurde. Zu dieser Zeit arbeitete er bereits an seinen neuen Theaterstücken »Leonce und Lena« und »Woyzeck«. 1837 erkrankte Georg Büchner an Typhus. Geschwächt durch Überarbeitung und schlechte Ernährung starb er am 19. Februar 1837 im Alter von nur 23 Jahren.

Bei seinem Tod hinterließ Georg Büchner mehrere Handschriften zu »Woyzeck«. Nach Jahren der Forschung kann man davon ausgehen, dass das Drama in Büchners Sinn rekonstruiert wurde. Allerdings lassen seine eigenen Aussagen Zweifel entstehen, dass der fragmentarische Charakter von »Woyzeck« allein durch einen seiner Krankheit geschuldeten frühzeitigen Abbruch der Arbeit zu erklären ist. Nach »Dantons Tod«, das er 1835 in kürzester Zeit schrieb, da er sich von der Veröffentlichung genügend Geld für eine Flucht nach Straßburg erhoffte, arbeitete Georg Büchner zunächst an seinem Promotionsvorhaben »Mémoire sur le système nerveux du barbeau«. Aus einem Brief an Eugène Boeckel geht hervor, dass er diese Arbeit Anfang Juni 1836 für abgeschlossen hielt und sich während dieser Zeit nicht dem dramatischen Schreiben widmen konnte: »Erst gestern ist meine Abhandlung vollständig fertig geworden. Sie hat sich viel weiter ausgedehnt, als ich Anfangs dachte und ich habe viel gute Zeit mit verloren; doch bilde ich mir dafür ein, sie sei gut ausgefallen. (…) [W]enn ich meinen Doctor bezahlt habe, so bleibt mir kein Heller mehr und schreiben habe ich die Zeit nichts können. Ich muß eine Zeitlang vom lieben Kredit leben (…)« Gleich im Anschluss wollte er dann offensichtlich neue Dramen verfassen, zumindest antwortete der Schriftsteller Karl Gutzkow in einem Brief vom 10. Juni 1836, er würde sich von Büchners angekündigten »Ferkeldramen« [!] mehr als »Ferkelhaftes« erwarten. Als erstes verfasste Büchner »Leonce und Lena«, das er Ende Juni 1836 an die Cotta´sche Buchhandlung schickte, die in einer am 16. Januar 1836 erstmals veröffentlichten Ausschreibung einen »Preis für das beste ein- oder zweiaktige Lustspiel in Prosa oder Versen ausgesezt« hatte. Davon ausgehend, dass er eben in der ersten Jahreshälfte seine wissenschaftliche Arbeit fokussierte, dürfte er somit auch »Leonce und Lena« in relativ kurzer Zeit geschrieben haben. Wahrscheinlich hatte Büchner spätestens im Herbst 1836 mit der Niederschrift zu »Woyzeck« begonnen. Zumindest schrieb er an seine Familie, er habe seine zwei Dramen noch nicht aus den Händen gegeben. Nachdem »Dantons Tod« alles andere als gut ankam – nicht nur wurde es zunächst lediglich in einer stark zensierten Version im »Literatur-Blatt« veröffentlicht, sondern auch erst 1902, lange nach Büchners Tod, uraufgeführt – wollte er offensichtlich versuchen, es dieses Mal besser zu machen.

Neue dramaturgische Form
Büchner war demnach ein Schnellschreiber, zudem schrieb er im September 1836 von zwei fertigen Dramen. Nun ist es keine Seltenheit, dass Autoren in einer ersten euphorischen Phase glauben, ein Stück sei tatsächlich fertig, mit etwas Distanz betrachtet, sich dann aber noch manche Schwächen kundtun. Trotzdem legt seine Aussage nahe, dass er mit »Woyzeck« nach einer neuen dramaturgischen Form gesucht haben könnte. Auf einen klassischen Handlungsverlauf schien er bewusst verzichten zu wollen, schließlich dachte er, das Drama sei fertig. Auch gibt es wenige Indizien, dass psychologisch nachvollziehbare Figuren beabsichtigt waren. Im Gegenteil: Das Sprunghafte der Szenen und die Ungreifbarkeit der Figuren könnte der Stimmung seiner Zeit entsprochen haben. Ohne Büchners Biografie als Dekodierungsschlüssel bemühen zu wollen, so lässt die Dramaturgie des Stückes eine gewisse Nähe zu Büchners Rastlosigkeit, seinen häufigen Umzügen, beziehungsweise Fluchten, sowie, ausgehend von seinen Briefen, seiner Art des Denkens und Redens zu. Außerdem entstand das Stück in einer epochalen Übergangsphase mit revolutionärem Hintergrund. Eine Art Dauerkrise herrschte inklusive einer Suche nach neuen Werten mitsamt einer neuen politischen Ordnung. Oder anders formuliert: Die Gesellschaft war in einem dauerhaften Ausnahmezustand, der durchaus als Wahnsinn bezeichnet werden kann. »Die Welt des >Woyzeck< ist nicht dramatisch lesbar, und zwar in jenem präzisen Sinn, dass sie keine >handfeste< Figuration des Sozialen bietet. Vielmehr fehlt hier eine solche Figuration (…). Sie fehlt, geradezu weil sie ersehnt wurde und weil diese Sehnsucht, die den Tod des Königs veranlasste, eine Leerstelle hinterlässt, die Woyzecks Wahn füllt: Eine Politik, die sich die Emanzipation auf die Fahne geschrieben hat, hat tatsächlich stattgefunden. Was sie nun in der toten Zeit des Vormärz hinterlässt, ist der >Kopf<, der in Woyzecks Bericht an Andres, den Freund, abends >rollt<, es sind die >Freimaurer<, die unterirdisch >wühlen<, (…) Figuren sind hier aber auch nicht (länger) lesbar, weil Büchners >Woyzeck< zwar vom kommenden Zeitalter der Massen wenigstens den wissenschaftlichen Positivismus ahnt, vor allem aber nach dem anthropologischen Ideal von Aufklärung und Weimarer Klassik kommt. Für die Imagination von Gesellschaft und Politik samt den dazu gehörigen Kriterien, Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten steht ihm gerade keine feste anthropologische Folie zur Verfügung.« [Maud Meyzaud: Buden. Lichter. Volk. (Woyzeck)]

Woyzecks Zustand als gesellschaftliches Spiegelbild
Woyzeck lebt in einer hysterischen Welt. Der medizinische, beziehungsweise wissenschaftliche Fortschritt deutet sich als maßgebend an, gleichzeitig auch als (noch) nicht mit einer aufgeklärten, philosophisch gedachten Gesellschaft vereinbar. Unhinterfragte politische Machtstrukturen sind weggebrochen, alles scheint möglich zu sein, wirklich alles. Es ist schwer zu deuten, ob Woyzeck als Soldat zufrieden war, aber auch die militärische Ordnung ist infrage gestellt und somit lässt sich die Sinnfrage nicht über die Arbeit beantworten. Orientierungslosigkeit ist die prägende Kraft der Zeit, der Verlust der eigenen Identität die Folge. Woyzecks Zustand spiegelt den Zustand einer Gesellschaft wider, zumindest jenem gesellschaftlichen Teil, der nicht zur Elite gehört. Gleichzeitig geht dieser Zustand nicht auf eine individuelle Erfahrung zurück. Vielmehr scheinen vielleicht bis auf Andres alle den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Es ist ein krisengeprägter, zugleich rauschhafter, wahnhafter Zustand. Und somit ist »Woyzeck« heute so modern wie schon lange nicht mehr. Dabei den inneren Zustand ästhetisch auf die Bühne zu übertragen und für das Publikum empathisch erlebbar zu machen gleichsam konsequent.

Endgültig lässt sich wohl nie klären, ob »Woyzeck« als Fragment überliefert wurde, weil Georg Büchner aufgrund seiner Erkrankung den Text nicht mehr in eine finale dramatische Form bringen konnte, oder aber ob das Fragmentarische Büchners Stückkonzeption war, ob er das dramatische Schreiben bewusst verändern wollte. In jedem Fall ist das Bühnenstück wenig protagonistisch angelegt. Nicht die Handlung, die sich durch die Begegnung und Dialoge einzelner Figuren entfaltet, bestimmt das Stück, sondern vielmehr einzelne Situationen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten. Die fehlende greifbare Figuration kann auch als Mittel zum Zweck verstanden werden: Die gesellschaftliche Kohärenz fehlt, Sinnzusammenhänge lassen sich nicht mehr bilden, die Überschaubarkeit von Zeit und Raum geht verloren. In deiner Inszenierung entwickelst du diesen Gedanken radikal weiter und findest eine neue ästhetische Übertragung.

Fehlende Figuration - wirklich, findest du? Ich finde die Figuren extrem pointiert! Bei dem, was du über die Handlung sagst, stimme ich dir zu. Handlung im klassischen Sinne interessiert mich ohnehin wenig. Ich benutze das Theater als Denkraum, der auch den Exzess, die Affekte, die Körper beherbergt und der ermöglicht, über die uns umgebende Wirklichkeit hinaus zu blicken. Deshalb nenne ich in unserem Fall das Stück »Woyzeck - ein Solo für drei Personen«. Damit wird gleich klar, dass wir uns außerhalb des Rahmens einzelner Figurenpsychologien oder eines im Sinne von Story-Plots schlüssigen Handlungsraumes befinden, sondern in einer abstrakteren Konstruktion, in der ich die Spieler und Elemente, die ich sehe, nicht auf eine einzige Lesart zurückführen muss.

Du inszenierst in der WhiteBoxX – einem Format, das wir mit dem Neustart eingeführt haben und das nicht nur das Bühnenbild bestimmt, sondern auch eine Reihe an Dogmen mit sich bringt. Wie bist du mit diesen Einschränkungen umgegangen, beziehungsweise waren die Dogmen für dich überhaupt Einschränkungen?

Ach, ich liebe das. Mein alter Schauspiellehrer Horst Hawemann hat immer gesagt, man solle seine Freiheit in der Begrenzung suchen. Das ist sicher nicht von ihm, aber ich hab’ knast-artige Regeln immer als sehr reizvolle Reibungsflächen für mein Denken empfunden. Sie erlauben mir, als scheinbare Hindernisse auf dem Weg zu dem, was ich präzise ausdrücken will, in Umdrehungen zu geraten und konzeptuelle Pirouetten zu schlagen, auf die ich im luftleeren Raum der Freiheit gar nicht kommen würde.

Zu zwei Dogmen will ich was sagen: Das Dogma des Raumes ist erstmal eh super für meine Zwecke. Nachdem ich sozusagen einen Bühnenessay aus Woyzeck mache, in den Geist eines Wesens zoome, das wir als Woyzeck annehmen können, in dem aber alle anderen Gestalten auch zu finden sind, ein Wesen, durch das sozusagen all diese Gestalten durchziehen, ist eine Whitebox, die ja per se ein Denkraum, eine Projektionsfläche ist, ideal. Außerdem ist der Raum vieldeutig. Er könnte eine Zelle sein - eine Gefängniszelle oder die Zelle einer Nervenheilanstalt, sie kann aber als Projektionsfläche auch zu jedem äußeren oder inneren Schauplatz werden - vom Rummelplatz bis hin zur inneren Welt der Hauptfigur.

Außerdem zum Dogma des historischen Kostüms: Seit Jahren arbeite ich, was die Bilderwelten meiner Inszenierungen betrifft, eng mit der Modedesignerin Julia Bosch zusammen. Schon in ihrer allerersten Kostüm-Skizze hat mir Jule zwar der Zeit entsprechende, allerdings zur sozialen Schicht Woyzecks völlig unpassende pompöse fast bombastisch überladene Prinzenfiguren entworfen. Ich bin sofort begeistert darauf angesprungen!

Eine zeitliche Verschiebung eines historischen Stoffes oder eine Versetzung an einen anderen Ort hat ja oft die Funktion, den Bedeutungsraum zu öffnen und so auch Brücken zu schlagen zu einem heutigen oder hiesigen Publikum. Diese Wirkung erzielen hier unter anderem die Kostüme, die die drei Gestalten zwar in der historischen Zeit belassen, aber eben sozial verunorten. Das universalisiert den Stoff und die Perspektive der Figur. Woyzeck ist ja ein armer Soldat. Ha! Das Theaterklischee, das wir kennen, ist ein Woyzeck in langem abgewetztem Mantel. Dadurch, dass unsere Figuren aussehen wie überdekorierte Rich Kids, entsteht ein Oberton über dem, was den Hauptfiguren widerfährt. Das, was in diesen Figuren stattfindet, könnte also in uns allen stattfinden.

Getroffen hat sich das auch gut mit meiner Entscheidung, Musik von Mozart und Michael Jackson zu verwenden. Beide sind Figuren der Hoch- bzw. Superstar-Popkultur, beide von ihren brutalen Vätern der Öffentlichkeit vorgeführte Versuchskaninchen, beide auf ihre Art auch Monstren, Mozarts Fäkalfixierung, Michaels physische Transformationen, der Eskapismus in die perfekte Musik, in die Spielsucht, in die Neverland Ranch. Gejagte Monster, die ihr Umfeld faszinieren, die aber einsam bleiben im Betrachtet-Werden. Auch Woyzeck ist Versuchskaninchen der Autoritäten, auch Woyzeck wird in den Augen der Welt zum Monster, auch Woyzeck ist einsame Projektionsfläche.

Du konntest das Stück ja nicht klassisch besetzen, also jede Figur mit einzelnen Schauspieler*innen. Durch deine konsequente Besetzungsentscheidung gehst du in deiner Inszenierung einen Schritt weiter als der Text. Schon bei Büchner sind die Figuren nicht mehr lesbar. Oder anders formuliert: In der Übergangsphase des Vormärz mitsamt der politischen und revolutionären Entwicklungen, der Forderung nach Gleichberechtigung und Demokratie, hin zum Zeitalter der Industrialisierung, scheint es eine Übergangsphase zu geben, die durch Orientierungslosigkeit und Überforderung geprägt ist. Spiegelt deine Idee, »Woyzeck« als Solo für drei Personen zu inszenieren, auch die Ahnung einer gegenwärtigen Vereinsamung und den Verlust von Werten wider?

Ich wäre überhaupt nie auf die Idee gekommen, das Stück »klassisch« zu besetzen! Mit klassisch meinst du vermutlich für jede im Text erscheinende Figur eine am besten auch noch in Alter und Geschlecht entsprechende Darsteller-Person. Neeee. Ich komme ja ursprünglich vom Figuren- und Objekttheater. Da bin ich gelandet, weil in diesem Metier ein enormes Spiel mit Zeichen möglich ist. Weil dem Metier per se ein gewisser Abstraktionsgrad eigen ist. Selbst wenn das verwendet wird, was man im Mainstreambewusstsein als Puppe betrachtet, also ein mensch- oder tierähnlich gestaltetes Objekt, ist es als Vereinbarung zwischen Spielern und Publikum vonnöten, diesem eine Seele zu unterstellen, damit es als theatrales Subjekt auftreten kann. Dieser Vorgang führt weg von einer individualpsychologischen und auf den Menschen zentrierten Perspektive auf die Dinge. Auf die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes. Das Puppentheater ist nahe einer animistischen Weltauffassung - einer Weltauffassung, in der alles beseelt ist, in der die Trennung von Geist und Materie sich erübrigt. Every-Body is alive. Auch das Licht kann ein Akteur sein, auch ein Gegenstand kann kommunizieren, zum Beispiel löst er eine Erinnerung aus, einen Gedanken.

Das geschieht in unserer Woyzeck-Bühnenwelt oft. Die drei Figuren, die ich choreografiere, haben weniger eine abgegrenzte Psychologie, sondern sind vielmehr Elemente eines Gefüges. Der, der am meisten Text spricht, ist Woyzeck und ist es auch nicht. Fast alle Figuren, denen Woyzeck begegnet, inklusive Woyzeck selbst, sprechen durch ihn. Die weibliche Figur, die immer wieder seinen Raum betritt, ist nicht Marie, aber könnte eine Erinnerung an sie sein. Sie könnte auch seine Pflegerin sein oder seine Gefängniswärterin. Der, der Andres genannt wird, erscheint eher wie der Geist von Woyzecks Freund Andres, als eine der Stimmen aus seinem Kopf, und zwar eine, die wir tatsächlich mal leibhaftig zu sehen kriegen. Sie wird als Andres benannt und verkörpert auch eine Instanz von außen, die der gejagten Figur im Zentrum zur Seite stehen will, die versucht, ihr eine Hand zu reichen, um aus ihrem gequälten Mindset herauszutreten, die »Woyzeck« aber auch gleichzeitig gut gemeint in Normalitäten zieht, wo er gar kein zu Hause finden kann. Die drei könnten auch einfach drei Freunde sein, von denen einer kaum mehr erreichbar ist.

Beeinflusst diese Erfahrung als Puppentheaterregisseurin auch deinen Inszenierungsstil bei eher klassischen Schauspiel-Inszenierungen?

Immer.
In dem Sinne, dass ich allen Elementen ein Leben, eine Seele, unterstelle.

Der Gründer der Puppentheater-Abteilung der Ernst Busch, bei dem ich noch studieren durfte, hat immer gesagt: »Tasse (hier kann man jedes Objekt einsetzen - Stein, Schuh, Scheinwerfer) ist auch nur ein Mensch«. Das kann man auch zurückwerfen und sagen: Mensch ist auch nur ein Körper unter vielen. Puppentheaterspezifisch ist, dass ich behaupte: Every-body has a soul. Der Mensch ist also nur ein beseeltes Wesen unter vielen beseelten Wesen. Kann auch Objekt sein, in dem Sinne, dass er vielem einfach ausgesetzt ist, dass vieles durch ihn durchzieht, auf ihn einwirkt, wie der Gegenstand auch Subjekt sein kann, indem er - in seiner spezifischen Sprache - kommuniziert.

Auch in dieser Inszenierung denke ich nicht figurenpsychologisch oder im Sinne einer abgeschlossenen Subjektivität von einzelnen handelnden Personen. Man kann die Anordnung der drei Gestalten auf der Bühne eher wie ein Planetensystem betrachten. Das Drama heißt ja »Woyzeck« und so ist in unserem Planetensystem der, der auch als Woyzeck gelesen werden könnte und maßgeblich dessen Geschichte erzählt, der Stern, um den die anderen beiden Planeten kreisen. Die drei Gestalten sind weniger durch eine Figurenhandlung als durch ein Kräftespiel gleich einer Art Gravitation verbunden.

Und eine fast puppenähnliche Gestalt taucht ja sogar auf: die Kreatur, wie wir sie nennen. Gebaut von der israelischen Puppenbauerin Moran Sanderovic. Ist sie das Innere »Woyzeck«? Ist sie der Geist der ermordeten Marie, der ihn verfolgt? Ist sie sein imaginärer Freund? Seine eigentliche Gestalt und Metapher seines Selbsterlebens? Jedenfalls ist sie das einzige Wesen - von außen zunächst erschreckend, bei näherer Betrachtung aber einfach hautlos, filterlos, verletzlich und zart - das einzige Wesen, zu dem er Verbindung aufnehmen kann, mit dem er zärtlich ist, dem er sich zuwendet. Die Begegnung mit der Kreatur ist der einzige Moment des Friedens.

Bei Büchner verfällt Woyzeck dem Wahn. Wobei zu klären wäre, ob er aus sich heraus wahnsinnig wurde (an dieser Stelle sei dieser Ausdruck erlaubt, der alles andere als ein medizinischer Ausdruck ist und wodurch jegliche Formen von psychischen Problemen auf keinen Fall lapidar als Wahnsinn bezeichnet werden sollen) oder der gesellschaftliche Wahnsinn ihn nicht vereinnahmt. Ist Woyzeck nicht auch dadurch ein überaus gegenwärtiger Text, droht zumindest die westliche Gesellschaft in eine grenzenlose Unvernunft zu verfallen?

Den letzten Teil deiner Frage kann ich schwer beantworten, weil ich anscheinend ein ganz anderes Verhältnis zu den von dir verwendeten Begrifflichkeiten habe. Die sogenannte Vernunft, mit der die sogenannte »westliche Welt« sich selbst und den globalen Süden überzogen hat, geht seit der sogenannten Moderne mit einem verheerenden Machbarkeitswahn einher. Im Namen der Vernunft wird vermutlich ähnlich viel Unheil angerichtet, wie im Namen von Religionen.

Woyzeck verfällt dem Wahnsinn, sagst du. Wer oder was ist Woyzeck? Woyzeck ist eine von Büchner erdachte Figur, die unter anderen Figuren in dem gleichnamigen Drama »Woyzeck« eingeschrieben ist. Zur Zeit Büchners befreite man die sogenannt Wahnsinnigen, die bis dato teils angekettet wie Strafgefangene interniert waren. Die Anschauung von Wahnsinn wandelte sich von der Auffassung, er sei eine Strafe Gottes, hin zu einer medizinischen pathologisierenden Perspektive. Personen, die unter die Kategorie geisteskrank fielen, wurden nun zu »Fällen« - ausgesetzt dem Interesse der Doktoren. Auch Büchner, dem Medizinstudenten, unterstelle ich einen gewissen - zwar künstlerisch empathischen, aber dennoch schaulustigen - Voyeurismus gegenüber der von ihm geschaffenen Hauptfigur. Gleichzeitig stellt Büchner in Gestalt des Doktors dieses pathologisierende Interesse als für das betrachtete Objekt höchst problematisch dar.

Was treibt einen dazu zu tun, was man tut? All die Stimmen, die in einem Menschen wüten, von den Eltern, über Vorangegangene, über die Kultur, die einen geprägt hat. Was treibt einen dazu zu tun, was man tut, zu morden zum Beispiel? Welche Gewalt, die man erfahren hat, agiert man da aus, welche der vielen Figuren, die in einem wohnen, handelt da durch einen? Alle diese sich auch widersprechenden Positionen in einen Akteur zu verlagern, finde ich viel aufschlussreicher, als den Mörder, die Hure, den starken Mann oder den, der dem Männlichkeitsanspruch nicht gewachsen ist, den voyeuristischen Arzt, den verzweifelt Liebenden oder gar den armen gejagten »Wahnsinnigen« in irgendeiner Außenkonstellation aufzustellen. Sie erscheinen alle als Aspekte der einen Figur, die bei uns den meisten Text spricht. Und so kann diese »Woyzeck«-Figur auch für jeden von uns stehen, nicht nur für einen speziell als abweichend oder krank definierten, weil ja in jeder von uns unzählige Stimmen hausen.

Ich habe vorhin den Begriff des Wahnsinns eingeordnet. Insbesondere mit Blick auf psychische Erkrankungen ist dieser Ausdruck alles andere als angebracht und ist eigentlich ein historisches Überbleibsel. Heute würden wir von Depressionen sprechen. Leider wird diese Krankheit eben auch aufgrund des historischen Umgangs immer noch tabuisiert. Droht aber nicht gerade die Depression zur Volkskrankheit zu werden, eine Krankheit, gegen die nicht geimpft werden kann, jedoch vermeidbar wäre?

Wieder muss ich dir widersprechen. Wenn ich an Woyzeck eine der gängigen Diagnosen anwenden wollte, wäre es nicht Depression, sondern Schizophrenie. Aber auch hier will ich dem Stoff lieber mit anderen Begrifflichkeiten bzw. aus einer anderen Perspektive begegnen.

Mein Mittel, über den Text, wie du vorhin sagtest, hinauszugehen, ist es, fast alle Sprechfiguren des Dramas in einem Darsteller zu versammeln. Und das ist es auch, was ich gegenwärtig finde. In dem Sinne, als dass - keine Neuigkeit – das, was uns westlichen Weltler quält, zunehmend gar nicht mehr als externe Machtfigur auftreten muss, sondern in uns selbst wohnt. Wenn man so möchte, macht das krank. Aber der Krankheitsbegriff wirft diese wie ich finde doch ursprünglich äußere Gewalt fälschlicherweise auf den an ihr Leidenden zurück.

Meine Interpretation des Woyzeck ist in diesem Sinne ja nicht krank, die Figur, die ich mit der Grundsatzentscheidung eines Solos ausgehend von Büchners Text entwerfe, ist einfach ein Mensch, in dem viele Stimmen wohnen. Das ist eine Metapher für den Menschen an sich, keine individuelle Figur eines Abweichlers, nein, das schiere Wesen des Menschlichen.

Ich habe übrigens einen Vorschlag für eine Impfung. Bzw. den hatte schon die von mir geschätzte Punk-Philosophin Kathy Acker: »GET RID OF MEANING. YOUR MIND IS A NIGHTMARE THAT HAS BEEN EATING YOU: NOW EAT YOUR MIND.«

»Moral, das ist, wenn man moralisch ist.« Diese Tautologie, insbesondere mit Blick auf die Art und Weise, wie der Hauptmann in dieser Szene mit Woyzeck umgeht, steht für die gesellschaftliche Sinnentleertheit. Wie lässt sich diesem einen Leben, das wir haben, oder überhaupt dem Leben, wieder Sinn zufügen?

Aber das wäre ja Hybris zu denken, es wäre unsere Aufgabe, dem Leben wieder einen Sinn zuzufügen. Als hätte das Leben an sich den Sinn verloren und wäre aufgeschmissen, wenn wir ihm nicht die Gnade der Sinngebung zuteilwerden ließen. Dem Leben ist es meiner Ansicht nach völlig egal, ob wir ihm Sinn zuordnen. Ihm Respekt entgegenbringen, dafür plädiere ich. Das Leben ist beyond Sinn. Es schuldet uns keinen Sinn. Es darf einfach sein. Das ist sein Grundrecht. Freud, der mir sonst gestohlen bleiben kann, hat eine tolle Sache zur Sinnfrage gesagt: Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht. Warum wir am Leben bleiben, obwohl uns alles zum Selbstmord drängt? Mir geht eine Formel im Kopf herum, die ich für das kühnste und gelungenste Stück Reklame halte: »Why live if you can be buried for 10 Dollars?«

1. Alle theatralen Vorgänge finden innerhalb der WhiteBoxX statt.

2. Im Mittelpunkt steht der der Aufführung zugrunde liegende Text und die Arbeit der Darsteller mit ihm.

3. Zur szenographischen Gestaltung DARF mit jeder Form von Projektion und Licht gearbeitet werden.

4. Die Kostüme der jeweiligen Aufführung MÜSSEN der im darzustellenden Werk angelegten Zeit/Epoche entsprechen.

5. Es DÜRFEN ausschließlich Requisiten verwendet werden, die der Handlung des Stückes entsprechend vonnöten sind, keine interpretativen oder illustrativen.

6. Es KANN eine Wand pro Aufführung weg gelassen werden.

7. Es KANN ein Möbel pro Aufführung hinzugefügt werden. Dieses muss handlungsimmanent sein.

8. Ein Vorhang KANN als vierte Wand, muss aber nicht eingesetzt werden.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Georg Büchner in seinem Drama den Fall des 1780 als Sohn eines Perückenmachers in Leipzig geborenen Johann Christian Woyzeck, der als entlassener Soldat seine Geliebte Johanna Christine Woost erstach, aufarbeiten wollte. Ähnlich wie bei »Dantons Tod« ließ er sich vielmehr von den Gegebenheiten und durch unterschiedliche Quellen inspirieren. Dass der historische Kriminalfall dennoch von Bedeutung ist, wird durch den Namen der Hauptfigur ersichtlich. Nur einen Name, nämlich Woyzeck, hat Büchner aus den historischen Akten übernommen, beziehungsweise eingearbeitet. Tatsächlich heißt die Hauptfigur in einem ersten Entwurf noch Louis und wird erst nach einer Überarbeitung zu Woyzeck. Zugleich ist die Figur Woyzeck nach der Umbenennung die einzige Figur, die im Stücktext mit dem Nachnamen angesprochen wird. Alle anderen werden durch ihren Vornamen genannt oder sind gar gleich auf ihre Funktion reduziert. Einen weiteren Hinweis gibt es in jener Szene, in der Woyzeck sein militärisches Ausweispapier hervorzieht. Hier stellt er sich mit seinem vollen Namen vor: Friedrich Johann Franz Woyzeck. Eine Szene, die es in der Form bei den ersten Entwürfen noch nicht gab. Es schien Büchner offensichtlich wichtig zu sein, auf den realen Fall Woyzeck zu verweisen und sich somit an der Debatte um die konsequente Anwendung des Strafrechts bei gleichzeitiger Aufhebung der seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzenden Liberalisierung der Strafjustiz im Kontext psychiatrischer Ausnamefälle zu beteiligen.

Das Gutachten von Clarus
Tatsächlich beauftragte das für den Fall Woyzeck zuständige Leipziger Gericht den Hofrat Clarus ein Gutachten über den Geisteszustand des nach der Mordtat verhafteten Woyzeck zu erstellen. In einem ersten Gutachten hielt Clarus fest, dass der Gefangene uneingeschränkt zurechnungsfähig gewesen sei. Woyzecks Symptome, seine fixen Wahnvorstellungen oder dauernden Bewusstseinsstörungen, wurden nicht als psychische Erkrankung diagnostiziert. Nachdem gegen dieses Gutachten Einspruch erhoben wurde, bekräftigte Clarus seine Auffassung in einem zweiten Gutachten, in dem er die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten bestätigte, woraufhin Johann Christian Woyzeck hingerichtet wurde.

Erschreckender Umgang mit psychischen Leiden
Sowohl die historischen Dokumente, als natürlich auch insbesondere Büchners Stück, zeigen einen erschreckenden Umgang mit psychischen Leiden, der bis in unsere Gegenwart wirkt und Erkrankungen wie Depressionen als Tabu stigmatisiert. Welche traumatischen Erfahrungen Woyzeck als Soldat gemacht hat, ist unbekannt. Offensichtlich jedoch ist, dass in Büchners Stück so gut wie niemand ihm helfen will oder kann. Im Gegenteil, der Hauptmann macht sich über seine mangelnde Bildung lustig (wobei er nicht gerade viel dagegenhalten kann) und schikaniert ihn, der Doktor misshandelt ihn im Namen des Fortschritts. Woyzeck will kämpfen, will es aus der Armut schaffen und Marie unterstützen, doch wo er eine helfende Hand benötigen würde, werden ihm Steine in den Weg gelegt. In einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich eklatant auseinandergeht, das Missverhältnis von Arbeit und Vermögen wächst, finanzielle Mittel oder der soziale Status Vorteile bringen, gar strafmildernd sein können, wird Moral zu einem leeren Wort. Dass ein Leben am Rande des physischen Ruins und unter menschenunwürdigen Bedingungen ohne Aussicht auf eine Perspektive nur krank machen kann, ist nahezu einleuchtend. Ein Gutachten, das eine Erkrankung ausschließt und die Schuld zu hundert Prozent auf die Einzelperson zurückführt, ist dabei ein Versuch, die politische Verantwortung zu leugnen.

An Wilhelmine Jaeglé
Mitte/ Ende Januar 1834
Aus Gießen nach Straßburg


(…) Ich konnte mich unserer politischen Inquisition stellen; von dem Resultat einer Untersuchung hatte ich nichts zu befürchten, aber Alles von der Untersuchung selbst ... Ich bin überzeugt, daß nach einem Verlaufe von zwei bis drei Jahren meiner Rückkehr nichts mehr im Wege stehen wird. Diese Zeit hätte ich im Falle des Bleibens in einem Kerker zu Friedberg versessen; körperlich und geistig zerrüttet wäre ich dann entlassen worden. Dies stand mir so deutlich vor Augen, dessen war ich so gewiß, daß ich das große Übel einer freiwilligen Verbannung wählte. Jetzt habe ich Hände und Kopf frei ... Es liegt jetzt Alles in meiner Hand. Ich werde das Studium der medicinisch-philosophischen Wissenschaften mit der größten Anstrengung betreiben, und auf dem Felde ist noch Raum genug, um etwas Tüchtiges zu leisten und unsere Zeit ist grade dazu gemacht, dergleichen anzuerkennen. (...)


An die Familie
28. Juli 1835
Aus Straßburg nach Darmstadt


(...) der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtschreiber, steht aber über Letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockne Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen. Sein Buch darf weder sittlicher noch unsittlicher sein, als die Geschichte selbst, aber die Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lectüre für junge Frauenzimmer geschaffen worden, und da ist es mir auch nicht übel zu nehmen, wenn mein Drama ebensowenig dazu geeignet ist. Ich kann doch aus einem Danton und den Banditen der Revolution nicht Tugendhelden machen! (…) Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, dürfte man keine Geschichte studieren, weil sehr viele unmoralische Dinge darin erzählt werden, müßte mit verbundenen Augen über die Gasse gehen, weil man sonst Unanständigkeiten sehen könnte, und müßte über einen Gott Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele Liederlichkeiten vorfallen. Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Leid und Freude mich mitempfinden macht, und deren Tun und Handeln mir Abscheu oder Bewunderung einflößt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe und Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller. (…)


An Karl Gutzow
Anfang Juni 1836
Aus Straßburg nach Frankfurt am Main


Lieber Freund! War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich saß auch im Gefängnis und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe. Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld hergenommen. Ich habe nämlich die fixe Idee, im nächsten Semester zu Zürich einen Kurs über die Entwickelung der deutschen Philosophie seit Cartesius zu lesen; dazu muß ich mein Diplom haben und die Leute scheinen gar nicht geneigt, meinem lieben Sohn Danton den Doktorhut aufzusetzen. (…) Über den Stand der modernen Literatur in Deutschland weiß ich so gut als nichts; nur einige versprengte Broschüren, die, ich weiß nicht wie, über den Rhein gekommen, fielen mir in die Hände. Es zeigt sich in dem Kampf gegen Sie eine gründliche Niederträchtigkeit, eine recht gesunde Niederträchtigkeit, ich begreife gar nicht, wie wir noch so natürlich sein können! Und Menzels Hohn über die politischen Narren in den deutschen Festungen – und das von Leuten! mein Gott, ich könnte Ihnen übrigens erbauliche Geschichten erzählen. (…) Übrigens; um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht grade den klügsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell, wären Sie je direkter politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen. (...)


An die Familie
September 1836
Aus Straßburg nach Darmstadt


(...) Ich habe meine zwei Dramen noch nicht aus den Händen gegeben, ich bin noch mit Manchem unzufrieden und will nicht, daß es mir geht, wie das erste Mal. Das sind Arbeiten, mit denen man nicht zu einer bestimmten Zeit fertig werden kann, wie der Schneider mit seinem Kleid. (...)


An Wilhelmine Jaeglé
27. Januar 1837
Aus Zürich nach Straßburg


Mein lieb Kind, Du bist voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst – aber ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je. (…) Es ist mir heut einigermaßen innerlich wohl, ich zehre noch von gestern, die Sonne war groß und warm im reinsten Himmel – und dazu hab' ich meine Laterne gelöscht und einen edlen Menschen an die Brust gedrückt, nämlich einen kleinen Wirt, der aussieht, wie ein betrunkenes Kaninchen, und mir in seinem prächtigen Hause vor der Stadt ein großes elegantes Zimmer vermietet hat. Edler Mensch! Das Haus steht nicht weit vom See, vor meinen Fenstern die Wasserfläche und von allen Seiten die Alpen, wie sonnenglänzendes Gewölk. – Du kommst bald? mit dem Jugendmut ist's fort, ich bekomme sonst graue Haare, ich muß mich bald wieder an Deiner inneren Glückseligkeit stärken und Deiner göttlichen Unbefangenheit und Deinem lieben Leichtsinn und all Deinen bösen Eigenschaften, böses Mädchen. Adio piccola mia! (...)

 

Über Tisch war Lenz wieder in guter Stimmung: man sprach von Literatur, er war auf seinem Gebiete. Die idealistische Periode fing damals an; Kaufmann war ein Anhänger davon, Lenz widersprach heftig. Er sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon; doch seien sie immer noch erträglicher als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen; unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem - Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist. Das Gefühl, dass, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten: in Shakespeare finden wir es, und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Goethe manchmal entgegen; alles Übrige kann man ins Feuer werfen. Die Leute können auch keinen Hundsstall zeichnen. Da wollte man idealistische Gestalten, aber alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur. Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel; er hätte dergleichen versucht im »Hofmeister« und den »Soldaten«. Es sind die prosaischsten Menschen unter der Sonne; aber die Gefühlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur ist die Hülle mehr oder weniger dicht, durch die sie brechen muss. Man muss nur Aug und Ohren dafür haben. Wie ich gestern neben am Tal hinaufging, sah ich auf einem Steine zwei Mädchen sitzen: die eine band ihr Haar auf, die andre half ihr; und das goldne Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und doch so jung, und die schwarze Tracht, und die andre so sorgsam bemüht. Die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon. Man möchte manchmal ein Medusenhaupt sein, um so eine Gruppe in Stein verwandeln zu können, und den Leuten zurufen. Sie standen auf, die schöne Gruppe war zerstört; aber wie sie so hinabstiegen, zwischen den Felsen, war es wieder ein anderes Bild.
(Von Georg Büchner)

Erste Botschaft

Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden, aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt, ja sogar der, welcher die Wahrheit liest, wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft. Darum haben die, welchen dies Blatt zukommt, folgendes zu beobachten:

   1. Sie müssen das Blatt sorgfältig außerhalb ihres Hauses vor der Polizei verwahren;
   2. sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;
   3. denen, welche sie nicht trauen, wie sich selbst, dürfen sie es nur heimlich hinterlegen;
   4. würde das Blatt dennoch bei Einem gefunden, der es gelesen hat, so muß er gestehen, daß er es eben dem Kreisrat habe bringen wollen;
   5. wer das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm findet, der ist natürlich ohne Schuld.

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage, und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.

Im Großherzogtum Hessen sind 718,373 Einwohner, die geben an den Staat jährlich an 6,363,364 Gulden, als
   1) Direkte Steuern              2,128,131 fl.
   2) Indirekte Steuern         2,478,264 fl.
   3) Domänen                       1,547,394 fl.
   4) Regalien                            46,938 fl.
   5) Geldstrafen                        98,511 fl.
   6) Verschiedene Quellen       64,198 fl.
                                              __________
                                             6,363,363 fl.

Dies Geld ist der Blutzehnte, der von dem Leib des Volkes genommen wird. An 700,000 Menschen schwitzen, stöhnen und hungern dafür. Im Namen des Staates wird es erpreßt, die Presser berufen sich auf die Regierung und die Regierung sagt, das sei nötig die Ordnung im Staat zu erhalten. was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind Alle; die Ordner im Staat sind die Gesetze, durch welche das Wohl Aller gesichert wird, und die aus dem Wohl Aller hervor gehen sollen. – Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700,000 Menschen bezahlen dafür 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden.

(…) Im Jahr 1789 war das Volk in Frankreich müde, länger die Schindmähre seines Königs zu sein. Es erhob sich und berief Männer, denen es vertraute, und die Männer traten zusammen und sagten, ein König sei ein Mensch wie ein anderer auch, er sei nur der erste Diener im Staat, er müsse sich vor dem Volk verantworten und wenn er sein Amt schlecht verwalte, könne er zur Strafe gezogen werden. Dann erklärten sie die Rechte des Menschen: »Keiner erbst vor dem anderen mit der Geburt ein recht oder einen Titel, keiner erwirbt mit dem Eigentum ein Recht vor dem anderen. Die höchste Gewalt ist in dem Willen Aller oder der Mehrzahl. Dieser Wille ist das Gesetz, er tut sich kund durch die Landstände oder die Vertreter des Volks, sie werden von Allen gewählt und Jeder kann gewählt werden; diese Gewählten sprechen den Willen ihrer Wähler aus, und so entspricht der Wille der Mehrzahl unter ihnen dem Willen der Mehrzahl unter dem Volke; der König hat nur für die Ausübung der von ihnen erlassenen Gesetze zu sorgen.« Der König Schwur dieser Verfassung treu zu sein, er wurde aber meineidig an dem Volke und das Volk richtete ihn, wie es einem Verräter geziemt. Dann schafften die Franzosen die erbliche Königswürde ab und wählten frei eine neue Obrigkeit, wozu jedes Volk nach der Vernunft und der heiligen Schrift das Recht hat. Die Männer, die über die Vollziehung der Gesetze wachen sollten, wurden von der Versammlung der Volksvertreter ernannt, sie bildeten die neue Obrigkeit. So waren Regierung und Gesetzgeber vom Volk gewählt und Frankreich war ein Freistaat.

(…) Weil das deutsche Reich morsch und faul war, und die Deutschen von Gott und von der Freiheit abgefallen waren, hat Gott das reich zu Trümmern gehen lassen, um es zu einem Freistaat zu verjüngen. Er hat eine Zeitlang »den Satans-Engeln« Gewalt gegeben, daß sie Deutschland mit Fäusten schlügen, er hat den »Gewaltigen und Fürsten, die in der Finsternis herrschen, den bösen Geistern unter dem Himmel« (Ephes. 6), Gewalt gegeben, daß sie die Bürger und Bauern peinigten und ihr Blut aussaugten und ihren Mutwillen trieben mit Allen, die Recht und Freiheit mehr lieben als Unrecht und Knechtschaft. – Aber ihr Maß ist voll!

(…) Ihr bücktet euch lange Jahre in den Dornäckern der Knechtschaft, dann schwitzt ihr einen Sommer im Weinberge der Freiheit, und werdet frei sein bis ins tausendste Glied.

Ihr wühltet ein langes Leben die Erde auf, dann wühlt ihr euren Tyrannen ein Grab. Ihr bautet die Zwingburgen, dann stürzt ihr sie, und bauet der Freiheit Haus. Dann könnt ihr eure Kinder frei taufen mit dem Wasser des Lebens. und bis der Herr euch ruft durch seine Boten und Zeichen, wachet und rüstet euch im Geiste und betet ihr selbst und lehrt eure Kinder beten: »Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen, das Reich der Gerechtigkeit. Amen.«
(von Georg Büchner)

Niklas Maienschein
Niklas Maienschein
Niklas Maienschein
Niklas Maienschein, Nelly Politt
Johannes Bauer, Niklas Maienschein, Nelly Politt
Niklas Maienschein
Niklas Maienschein, Nelly Politt
Niklas Maienschein, Nelly Politt
Niklas Maienschein
Johannes Bauer, Niklas Maienschein
Johannes Bauer
Niklas Maienschein, Nelly Politt
Niklas Maienschein, Nelly Politt
Niklas Maienschein
Niklas Maienschein, Nelly Politt
Niklas Maienschein

 

 

 

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