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Der neue Auftritt des Rheinischen Landestheaters Neuss: Wie die Architektur und ihre Historie ein Erscheinungsbild inspirieren

Der September 2019 markiert einen Neuanfang innerhalb des Rheinischen Landestheaters Neuss. Caroline Stolz tritt ihre Intendanz für die nächsten fünf Jahre an. Wie jeder neuen Leitung des Hauses steht es auch ihr und ihrem Team frei, die Farben, die Insignien und die gesamte optische Gestaltung, mit der sie sich zeigen, neu zu bestimmen. Entscheidungen, die auch im Stadtbild und ganz konkret am Haus sichtbar werden sollen.

In einer intensiven Zusammenarbeit wurden von dem Typografen Johannes López Ayala und den Künstlerinnen Jennifer López Ayala und Simone Klerx ein neues Form-, Farb- und Schriftkonzept, ein neues Logo und eine neue Bildsprache für das Theater entwickelt.

Der Prozess führte zu den beiden Fragen: »Was ist schon da?« Und: »Was braucht es noch?«

Die Recherche rückte die Architektur des Theaters in Neuss – und ihre Historie – in den Mittelpunkt, die als entscheidende Inspiration für das neue Erscheinungsbild begriffen wurde.

»Was ist schon da?« – eine mit Geschichten aufgeladene Architektur, die als Ausgangspunkt einer ganzen Gestaltungslinie dienen kann.

»Was braucht es noch?« – einen zeitgemäßen Auftritt, der sich flexibel an unterschiedliche Kontexte anpassen kann, der sich aus der Geschichte des Hauses ableitet und der zugleich das Wesen von Theater inszeniert. Die Baukunst des Rheinischen Landestheaters soll erneut in der ursprünglich konzipierten Form gezeigt und dazu die Präsenz der Farbe Weiß (ein Erkennungszeichen der Architekten) wieder hergestellt werden. Vorhandene Möglichkeiten, die Hausfassade als Bild zu bespielen, sollen wiedererweckt werden. Die Geschichte der Wappentiere soll neu belebt und menschlich interpretiert werden.

2000—BAUKUNST

Das Rheinische Landestheater hat das große Glück, in einem Bauwerk beheimatet zu sein, das nicht bloß »gewöhnliche« Architektur ist, sondern überregional Anerkennung als Baukunst erfahren hat und 2005 als vorbildliches Bauwerk in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde.

Das Gebäude wurde von Ingenhoven & Ingenhoven entworfen – das erste gemeinsam realisierte Bauvorhaben von Vater Robert Ingenhoven und seinem Sohn Oliver als Partner; ein »Familienprojekt«.

Im Jahr 1998 begann der Bau des 125.000 m³ umfassenden Hauses, das nach 21-monatiger Bauzeit sowohl das Rheinische Landestheater als auch die Kreisverwaltung enthielt, zudem Gastronomie, das Programmkino »Hitch« und eine Ladenpassage.

Es wurde kein komplett neues Gebäude errichtet, sondern vielmehr auf der Struktur eines bestehenden Baukörpers aufgebaut – eines leerstehenden, insolventen Warenhauses. In einem Gespräch mit Jennifer López Ayala berichtet Oliver Ingenhoven, wie er und sein Vater auf eigene Initiative hin die Vision entwickelten, das »tote« Gebäude durch eine neue Nutzung wieder zu beleben. Ingenhoven und Ingenhoven begriffen sofort das Potenzial des ehemaligen Kaufhauses mit seiner großen Deckenhöhe und der auf hohe Tragfähigkeit hin ausgelegten Statik. Zur damaligen Zeit bestand in der Stadt bereits seit einiger Zeit der Wunsch, dem Rheinischen Landestheater einen Hauptsitz zu gönnen. Der Stadtrat hatte diesen Bau bereits beschlossen, in Ermangelung der benötigten Finanzen sollte der Bau jedoch erst in unbestimmter Zukunft in Angriff genommen werden. Der von den beiden Architekten initiierte Plan, das bestehende Gebäude umzubauen, brachte das Ziel nun in greifbare Nähe und wurde schließlich angenommen. Erstmals in Deutschland wurde dadurch ein Kaufhaus kernsaniert statt abgerissen und wirtschaftlich sinnvoll umfunktioniert. Dadurch gelang es Robert und Oliver Ingenhoven, die mögliche Verwahrlosung eines Stadtteiles infolge des Leerstandes eines großen Warenhauses zu verhindern, die sie zuvor bereits in anderen Städten beobachtet hatten. Stattdessen ermöglichten sie die optimale Nutzung von bereits vorhandenem Bauland und bestehender Bausubstanz. Im heutigen Bau wurde das Stahlbetonskelett mit einem Achsmaß von 9,5 × 10,6 Metern genauso erhalten wie die vier ausschweifenden Kerne als Treppenhäuser.

Ihre Entwurfsmethode beschrieben Ingenhoven & Ingenhoven als »Subtraktion alles Nichtbrauchbaren«. Einen einstmals abweisenden, in sich geschlossenen Bau öffneten sie dabei zur Außenwelt hin, indem sie ihn um eine dynamisch gerundete Ecke erweiterten sowie als Konstruktionsprinzip die Segmentierung der Fläche anwendeten: »Die Architekten verwandelten das immense Volumen des einst feindseligen Quaders in eine gegliederte, aufgebrochene Struktur, die sich nun freundlich und bewegt der City zuwendet. Die Formensprache zeigt Züge der Internationalen Moderne der Vorkriegszeit.« (Olaf Winkler: »Metamorphose eines Warenhauses – Ingenhoven & Ingenhoven«, Seite 7. Prestel, 2002)

Woraus aber entwickelten die Architekten dieses Bau-Kunstwerk?

1962—WARENHAUS

Im Jahr 1962 wurde in Neuss das damals »modernste Warenhaus Westdeutschlands« eröffnet – zunächst als MERKUR, später als HORTEN. »Auf einem Luftbild erkennt man, wie sich der riesige, nicht untergliederte Kubus mit 8.500 m² Verkaufsfläche auf drei Etagen (die vierte Ebene stellt der Keller dar) in der kleinteiligen Neusser Innenstadt niedergelassen hatte. Er war ein fremder Solitär, der keinerlei Anstrengungen unternahm, sich in den städtebaulichen Zusammenhang einzufügen«, schreibt Thomas Brandt in einem Vortrag über die Geschichte der HORTEN-Kaufhäuser.

So bemerkt auch Hans-Georg Pfeifer in seinem Überblick über die Entwicklung der Kaufhausarchitektur: »Um von dem mit 50 km/h durch die Straßenschluchten der Städte fahrenden Kunden wahrgenommen zu werden, bedurfte es einer Fassadengestaltung, die sich vom architektonischen Umfeld als Blickfang abhob und zugleich über Merkmale verfügte, die auch andernorts eine Wiedererkennung zuließen.«

Weiter Thomas Brandt: »Den einen erschien er als Tempel des Konsums, der Verheißung einer neuen Zeit, den anderen als proportionsloser, gewachsene Strukturen zerstörender Fremdkörper.

Das Neusser Warenhaus galt zur Zeit seiner Entstehung als das modernste seiner Art in der BRD. Und modern hieß mobil, dynamisch, individuell,erlöst von Arbeitsfron und international.

3.000 verschiedene Artikel, Lebensmittel und andere ›Bedarfsartikel für Haushalt und Küche‹ bot allein der Selbstbedienungs-Supermarkt im Erdgeschoss. Erholung Suchende fanden im neuen Haus zwei alternative Gaststätten, die ›Imbißstube‹ mit 100 Plätzen im Erdgeschoss mit Blick ›auf die Silhouette des Stadtzentrums mit den Türmen des Münsters‹ sowie ein Restaurant für 450 Gäste im 2. Obergeschoss samt eigener Küche und Konditorei mit Blick ins Grüne, den ›Kupferspieß‹.

Sechs auf- und abwärtsführende Rolltreppen brachten den Käuferstrom bequem von Stockwerk zu Stockwerk, von einer Attraktion zur nächsten. Eine ›Vollklimaeinrichtung, die je nach Jahreszeit als Kalt- und Warmluftanlage gefahren‹ werden konnte, machte den Aufenthalt für jedermann jederzeit angenehm. Drei Telefon-Hauptanschlüsse mit 50 Nebenstellen unterstützten die moderne Kommunikation, während es eine Lautsprecheranlage möglich machte, dass man jeden Mitarbeiter in allen Räumen erreichen und informieren konnte – ›Über diesen Lautsprecher können außerdem Musiksendungen und Informationen für Kunden und Mitarbeiter ausgestrahlt werden.‹ Selbst an die zunehmende Zahl an Gastarbeitern hatte man gedacht, die in den Industriebetrieben der Stadt tätig und als potentielle Kunden nicht zu verachten waren. Für diese Klientel hatte MERKUR eigens Dolmetscher eingestellt, die Italienisch, Spanisch und Griechisch sprachen.

Äußerer Ausdruck der Moderne war die so genannte ›Wabenfassade‹ aus ca. 11.000 Stück der berühmten HORTEN-Kacheln. Wie ein vorgehängtes Kleid verdeckte sie den an sich gesichtslosen Bau. Im Laufe der Jahre wurden die Fronten aller HORTEN-Kaufhäuser daraus gebildet, um ihnen ein einheitliches, leicht wiedererkennbares Erscheinungsbild im Sinne einer ›Corporate Identity‹ zu verleihen. So trifft man in der Literatur immer wieder auf die Erklärung, dass sich in der HORTEN-Kachel ein stilisiertes ›H‹ befinde, das auf den Namen HORTEN hinweist. Später wurde das stilisierte ›H‹ auch als Signet benutzt und erschien auf Fahnen und Einkaufstüten.

Es ist noch nicht klar, von wem der Entwurf der HORTEN-Kachel in Neuss stammte. Für viele Autoren soll es der Karlsruher Architekt Egon Eiermann (1904—1970) gewesen sein – einer der führenden Architekten für HORTEN-Kaufhäuser – der ab 1947 an der dortigen Hochschule im Sinne der Architekturauffassung von Walter Gropius und Mies van der Rohe lehrte und mit berühmten Bauten die Architekturgeschichte der jungen Bundesrepublik prägte, weshalb gerne auch von der Eiermann-Kachel gesprochen wird.«

Zwei starke architektonische Formprinzipien konnten somit als Basis für die grafische Entwicklung des neuen RLT-Auftrittes dienen: der geöffnete Block des aktuellen Theatergebäudes wie auch die ornamentale Wirkung der Horten-Kachel, außerdem das Gestaltungsprinzip des Neubaus: die »Subtraktion alles Nichtbrauchbaren« und der grafisch bewusste Einsatz von Schwarz und Weiß.

2019—DRAMATICON

Formal bezieht sich das neue Corporate Design auf diese architektonischen Besonderheiten des Theaterbaus. Was verbindet nun inhaltlich das Design mit dem Theater? Es ist die Liebe zum Wort.

Für das Theater ist er ganz zweifellos essenziell: der Dialog. Die großen Fragen des Lebens und die kleinen Kämpfe des Alltags, die Wortgewalt der großen Dramatiker und die kleinen Anekdoten, die das Leben lebenswert machen.

Die visuelle Komponente des gesprochenen, des vorgetragenen Wortes, das ist die Schrift. Wo Schrift ist, sind auch Satzzeichen — Punkt, Ausrufezeichen, Fragezeichen bilden die Grundlage für alles, was auf der Bühne gerufen und geflüstert, gesprochen und gesungen, geschluchzt und gelacht wird.

Im Dramaticon, dem neuen Logo des Rheinischen Landestheaters, kulminiert das Zusammenspiel dieser Satzzeichen in grafischer Form. Die Frage steht neben dem Ausruf, die Form des einen wendet sich dem anderen zu, eine Spannung entsteht: Ausrufezeichen und Fragezeichen teilen sich einen Punkt und werden so zu einem vierten Zeichen im Zeichen:

dem Interrobang. Einem Zeichen, mit dem Erstaunen, Ausruf und Frage zugleich, oder auch besonders nachdrücklich gestellte Fragen gekennzeichnet werden — eben jene Fragen, die wirklich wichtig sind. Erfunden wurde es von dem US-amerikanischen Werber Martin K. Speckter im Jahre 1962 – demselben Jahr, in dem auch das MERKUR-Kaufhaus und spätere RLT-Gebäude seine Pforten in Neuss öffnete.

Aber nicht nur Satzzeichen verbergen sich im Dramaticon. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die innere Struktur des Symbols, in der sich die aus einfachsten geometrischen Elementen bestehenden Satzzeichen – wie bei der HORTEN-Kachel – zu einem stilisierten Buchstaben zusammensetzen: dem großen R. »R« für Rheinisches Landestheater — »R« für Reise, »R« für Reaktion, »R« für Revolution?

Als Logo, das sich nicht in einem geschlossenen Rechteck abkapseln möchte, greift das Dramaticon die zuvor beschriebenen Prinzipien des ikonischen Theatergebäudes zur Dynamisierung eines statischen Körpers auf. Der Schwung des Fragezeichens ist eine Hommage an die gerundete Ecke des Hauses, während sich dessen Konstruktionsprinzip – die Segmentierung der geschlossenen Fläche – auch in der Konstruktion der Bildmarke wiederfindet.

Als geöffnetes und flexibles Element muss das Dramaticon nicht isoliert dastehen. Es wird wie die HORTEN-Kachel in Mustern angeordnet, füllt Flächen, spielt mit Formen und Architektur und erzählt Geschichten. Da es keine geschlossene Form ist, können sogar seine einzelnen Bestandteile herausgelöst und spielerisch und narrativ eingesetzt werden. Das Abstrakte wird konkret.

Das Dramaticon wird Erkennungszeichen und Initiale des Rheinischen Landestheaters. Ein wandelbares, einprägsames Icon. Es vereint in sich Drama und Dialog, Anziehung und Gegensatz, Frage und Antwort.

Ein Logo, das durch und durch Theater ist. Ein Zeichen, das Räume baut und sie mit Leben füllt.

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